Eine schöne Bescherung

 

ChristbaumDer Winter hat nun auch auf den Inseln im Norden Einzug gehalten. Die Strahlen der untergehenden Wintersonne tauchen das Dach der Dorfschule am See in ein sattes, warmes Rot. Im Sommer kamen die Kinder der benachbarten Gemeinden meistens mit dem Boot zur Schule. Doch nun ist der See zugefroren. Wenn das Eis trägt, zieht das Pony Alex den schweren Schlitten mit den Kindern täglich übers Eis zur Schule. Auch heute hat das Pony Alex den Schlitten zur Schule gezogen. Es hat es sich seine Pause verdient und frisst genüsslich sein Heu.

Anne und Marie, die Zwillinge haben heute ihren letzten Schultag vor den Weihnachtsferien. Zum Glück ist es der letzte. Die Lehrerin Frau Oloffson hat sich für die Kinder etwas ganz besonderes ausgedacht.
"In der letzten Stunde werdet ihr euren Wunschzettel für den Weihnachtsmann schreiben und sie im Wald unter die Wundertanne legen", sagt sie. Endlich ertönt die Pausenglocke und die Kinder stürmen übermütig ins Freie, um sich erst einmal mit dem frisch gefallenen Schnee zu bewerfen. Ihr fröhliches Lachen und Jauchzen schallt weithin über den See. Glasklar ist die Luft. Gleich einer Märchenlandschaft glitzern die Schneekristalle in der Sonne.

Anne und Marie sind heute besonders übermütig, denn die Aussicht auf die Ferien und den Besuch von Onkel Joffry lassen ihre Herzen höher schlagen. Deshalb bewerfen sie ihre gleichaltrigen Schulkameraden Stieven, Ole und Jörgen mit Schneebällen. Davon bekommt Ole einen auf`s Auge und läuft verärgert weg. "Das habt ihr nicht umsonst gemacht", nehmen Stieven und Jörgen Partei für ihren Freund.

Doch die Pause ist schnell vorbei und jetzt ist die letzte Unterrichtsstunde vor Weihnachten angebrochen. Ole, Stieven und Jörgen schreiben genau wie Anne und Marie ihren Wunschzettel. Leise lachend und tuschelnd beschreiben die Buben noch einen anderen, besonders großen Zettel, der aber sogleich in ihrer Tasche verschwindet. Nun sind alle Wunschzettel geschrieben und ausgelassen , fröhlich jauchzend laufen die Kinder in den Wald zur Wundertanne. Ein wenig aufgeregt legen sie ihre Zettel darunter und machen sich auf den Heimweg, denn bald wird es dunkel werden.

Jörgen und seine Freunde warten noch etwas. Unbemerkt von den anderen stapfen sie zur Tanne zurück und tauschen schnell die beiden Wunschzettel der Zwillinge gegen den besonders großen Zettel in ihrer Tasche aus. Dabei kichern sie leise. Nun liegt Ihr Wunschzettel gleich obenauf. Eilig stapfen sie den anderen Buben hinterher.

Weit hinter den Baumwipfeln verschwinden jetzt die letzten Strahlen der kalten Wintersonne. Immer längere Schatten werfen die tief verschneiten Tannen. Vorsichtig wagt sich ein Häschen aus dem Gebüsch, huscht aber sogleich wieder zurück. Das Reh, das auf die Lichtung tritt, sucht scharrend nach Futter.

Mit einem Mal ist es ganz dunkel und Schneekristalle schimmern wie Diamanten im Schein des hellen Vollmondes. Irgendwo ertönt leises Bimmeln und kommt immer näher. Ein kleiner Schlitten taucht auf der Lichtung auf, es knirscht der Schnee in der Stille. Mühsam arbeitet sich der Weihnachtsmanngehilfe zur Wundertanne vor und verstaut seine wichtige Fracht in den Jutesack. "Wieder sind es so viele Wunschzettel geworden, genau wie im letzten Jahr", murmelt er griesgrämig vor sich hin. Doch so schnell wie der Schlitten kam, ist er auch wieder verschwunden. Immer leiser wird das Bimmeln der Schlittenglocken. Bald schon legt sich wieder eine tiefe Stille über die kalte, glitzernde Landschaft.

Längst sind die Kinder wieder zu Hause bei ihren Eltern und Anne und Marie spielen mit ihren Puppen. Die Jungs schnitzen ein Holztier, nur Jörgen hat heute so gar keine Lust an Spiel und Spaß. Er sitzt nachdenklich da, hält seinen Kopf in die Hände gestützt und sieht ziemlich traurig aus. Seiner Mama ist das nicht verborgen geblieben. Sie fragt ihn warum er so traurig sei. "Ich glaube, ich habe heute etwas Schlimmes getan", antwortet er und erzählt von der Sache mit dem Wunschzettel. "Das kann Ärger geben", sagt Mama. Aber sie tröstet ihn. Sie hat eine Idee. Sie geht ins andere Zimmer und telefoniert leise. Jörgen lauscht angestrengt, doch verstehen kann er nichts.

Hoch oben im Norden, auf der kleinen Inselgruppe gibt es einen jahrhundertealten Brauch. Am Weihnachtsabend erwarten die jungen sowie die alten Bewohner des Dorfes gleichermaßen den Weihnachtsmann gemeinsam in der festlich geschmückten Scheune. Man singt und lacht und freut sich, wenn der Weihnachtsmann kommt und ihre lieben Kinderchen voller Andacht, Ehrfurcht und Staunen die Geschenke erhalten und dabei so lieb sind. Wenn die alten Weihnachtslieder gesungen werden, kullern auch dem einen oder anderen von den "Alten" Tränen der Rührung oder Erinnerung über die Wangen.

Jörgen und Papa sowie seine Freunde sind gerade in der Scheune angekommen und sie sehen Anne und Marie mit glühenden Wangen und erwartungsvollen Blicken auf die Tür schauen. Spätestens jetzt rutscht das Herz der Buben in die Hosen, denn sie denken mit Schrecken an die Folgen des vertauschten Zettels.

Von draußen hören sie ein schwaches Bimmeln und Schlurfen. "Oh, jetzt passiert es", stöhnt Jörgen auf. Er möchte am liebsten unter dem Stuhl verschwinden. Ein Pochen und die Tür geht auf. Die Bewohner rufen "ah", doch das "oh" ist schon leiser, denn herein kommt ein seltsamer Weihnachtsmann, ziemlich zerzaust und nicht so stattlich wie sonst. Seltsam sieht er schon aus, das meinen auch Anne und Marie. "Sieh dir mal diesen Mantel an und die Stiefel, sieht ja aus wie der alte Wintermantel von Jörgens Oma. Und der Hut erst!, ruft Marie, "wie der alte Filzhut von Jörgens Opa". Auch Jörgen, Stieven und Ole fällt die seltsame Bekleidung auf. Ole sagt zu Jörgen: "Irgendwas ist hier doch faul". Der seltsame Weihnachtsmann beginnt zu erzählen, was passiert ist.

"Ich bin nur der Weihnachtsmanngehilfe, nicht der Weihnachtsmann, denn im Wald gab es einen Unfall. Ein Bärentroll hat den Weihnachtsmann angefallen und den Schlitten in einen leeren Bachlauf gestoßen. Dabei ist ein Rentier verletzt worden. Alle Geschenke sind im Bachbett verteilt . Nun muss der Schlitten geborgen und ein neues Rentier geholt werden. Geduldet euch noch eine Weile und singt schon mal die alten Weihnachtslieder".

So warten sie noch Stunde um Stunde. Doch dann ist es endlich soweit. Lautes Glockengebimmel kündigt den nahenden Weihnachtsmann an. "Jetzt ist es aus, jetzt kommt alles heraus und Anne und Marie werden keine Geschenke bekommen", sagen Ole, Jörgen und Stieven. "So, lieber Jörgen, nun komm deine Geschenke abholen, du bist heute der erste", spricht der Weihnachtsmann. So viele Päckchen und Beutel. Sein Kopf wird ganz rot und er senkt den Blick. "Lieber Weihnachtsmann", sagt er, "ich habe etwas sehr Schlimmes getan. Ich habe den Wunschzettel von Anne und Marie verschwinden lassen und den anderen Zettel dafür hingelegt. Nun wirst du ja keine Geschenke für Anne und Marie haben, gib den Mädchen dafür meine". "Dafür müsstest du eigentlich eine Rute bekommen", antwortet der Weihnachtsmann. Auch Ole und Stieven treten jetzt hervor und sagen, dass sie alles gemeinsam ausgeheckt haben. Der Weihnachtsmann schaut sie alle drei ernst an und ruft die Mädchen herbei. Er holt aus dem Sack die Geschenke für die Zwillinge und die Buben seufzen vor Erleichterung auf.

Neben dem Weihnachtsmann steht natürlich auch der Weihnachtsmanngehilfe. Dieser blinzelt schelmisch mit den Augen und lächelt. Dieses Lächeln kennt Jörgen ganz genau. "Mama", ruft er aus, "jetzt verstehe ich genau. Du warst der Gehilfe und du hast uns geholfen. Die Wunschzettel von Anne und Marie hast du dem Weihnachtsmann gegeben".

Ja, Kinder , so ein Weihnachtsfest gab es im Dorf noch nie. Deshalb sangen alle die Weihnachtslieder in diesem Jahr ganz besonders froh und laut.

 

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